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Lepidosaurier füttern beim Wandern auf Gran Canaria

- Von Roland - in: Fauna, Lacertidae (Echte Eidechsen)

Gallotia stehlini

Beim Wandern auf Gran Canaria triff man auf die Rieseneidechse Gallotia stehlini. Diese Echsen können über 80cm erreichen und sind somit die größten auf den kanarischen Inseln. Unsere Riesenechsen stammen nicht aus der Linie der großen Archosauria (Dinosaurier, Krokodile, Flugsaurier und Vögel), wie man vielleicht annehmen könnte sondern aus der Überordnung der Lepidosauria, die sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte von den Archosauria trennten und unsere heutigen Echsen, Schlangen und Brückenechsen zur Entwicklung brachten.

Gallotia stehlini beim Fressen einer Bockwurst.

Der Herr im Hause. Ein Männchen der Rieseneidechse von Gran Canaria beim Fressen einer Bockwurst. Das Stückchen Bockwurst wurde gerade verschluckt.

Deshalb sind die Vorfahren unserer rezenten Kanareneidechsen nicht weniger alt. Die Lepidosauria starteten Ihre Entfaltung bzw. Abtrennung von den Archosauria sehr früh, irgendwann im Perm und das begann vor 299 Millionen Jahren. Man kann sagen, daß sich unsere Gallotia stehlini auf Gran Canaria aus diapsiden Reptilien im Perm-Zeitalter vor 299 bis 250 Millionen Jahren entwickelten, welche das große Massensterben am Ende des Perm überlebten. Man schätzt, daß ca 95% aller marinen und über 70% aller terrestrischen Tierarten damals ausstarben, weil sich das Weltklima durch verheerende Vulkanausbrüche änderte. Die Überlebenden mussten dann vor ca 65 Millionen Jahren ein weiteres Massensterben, dem die meisten Archosauria zum Opfer fielen, überstehen und gleichzeitig die aufkommende Konkurrenz der Säugetiere, Vögel und des Menschen bewältigen. Vor ca 20,6 Millionen Jahren entstanden die kanarischen Inseln und mußten von den Vorfahren unserer Gallotia stehlini besiedelt werden. Diese erfolgreichen Reptilien wiederum hatten dann mit wiederkehrender, vulkanischer Aktivität zu kämpfen und letztendlich mit dem zunehmenden Einfluß des Menschen. Aber jetzt hat sich das Blatt zum Guten gewendet. Die Rieseneidechsen begegnen menschlichen Wanderern, die sie mit deutschen Bockwürsten füttern.

Gallotia stehlini im Barranco de Guayadeque auf Gran Canaria.

Dieses Gallotia stehlini Männchen war gerade dabei Mandelblüten zu fressen. Dazu war die Echse auf einen benachbarten Ast geklettert. Durch uns gestört kam sie wieder auf diesen unteren Ast zurück.

Auf den kanarischen Inseln kennt man drei fossile Reptilien. Zwei Echsen, die Gallotia maxima, die Gallotia goliath und eine Schildkröte Geochelone burchardi. Die beiden großen Echsen werden Gallotia simonyi zur Seite gestellt und erreichten beinahe 1,5 m Länge. Wobei es sich nicht klären läßt ob die beiden Großechsen nicht zu einer Art gehörten. Den Funden nach waren die Echsen mehr auf den östlichen Seiten der kanarischen Inseln zu finden. Ein fossiler Schädelfund hatte 12cm Länge. Die Schildkröte Geochelone burchardi sollte ebenfalls beachtliche 80cm und mehr erreicht haben. Leider haben wir beim Wandern auf Gran Canaria nicht mehr die Chance einer Geochelone zu begegnen.


Dieses Echsenmännchen ist wahrscheinlich einer Katze, einem Hund oder einem Falken zum Opfer gefallen.

Warum sind diese riesigen Echsen ausgestorben ? Es gibt drei Annahmen.

1. Die Konkurrenz anderer kleinerer Gallotia Arten.

2. Die Jagd der Altkanaren auf die Echsen, die aufgrund Ihrer Größe eine bedeutende Eiweißquelle darstellten.

3. Die Lebensraumzerstörung durch vulkanische Aktivitäten.

Weibchen der kanarischen Rieseneidechse

Ein Weibchen von Gallotia stehlini auf Gran Canaria bei Agaete. Die Echse ist trächtig.

Heute kämen noch zwei weitere, schwerwiegende Ursachen hinzu. Die absichtliche oder unabsichtliche aber in jedem Fall grob fahrlässige Einführung der Königsnatter, ein hochspezialisierter Echsenjäger, der sich höchst invasiv verhält und nur schwer zu kontrollieren ist. Als zweites die Habitatzerstörung und die Nahrungskonkurrenz zwischen dem Menschen und der Echse (Verfolgung der Echsen durch Landwirte). Eine Liste aller neuen dezimierenden Faktoren finden Sie am Ende >>>

Auf La Gomera und El Hierro vermutete man, daß die Rieseneidechsen ausgestorben sind. In den letzten drei Jahrzehnten wurden jedoch auf Teneriffa, El Hierro, La Gomera und zuletzt auf La Palma Rieseneidechsen wiederentdeckt. Auch Zuchtprogramme sind angelaufen. Dazu anderer Stelle genaueres. (Es handelt sich jedoch nicht um obige G.maxima oder G.goliath).

Gallotia stehlini auf dem Roque Nublo.

Eine Rieseneidechse auf dem Roque Nublo. Hier oben sind die Tiere wenig scheu und an die Urlauber gewöhnt. Sie fressen Schinken und anderes direkt aus der Hand.

Die endemische Gattung Gallotia wurde zunächst als eine Untergattung von Lacerta aufgefasst aber dann als eigene Gattung dargestellt.

Hier auf Gran Canaria kommt nur die eine Art Gallotia stehlini vor und ist mit Ausnahme im Lorbeerwald praktisch auf der ganzen Insel anzutreffen. Gallotia stehlini kann auch auf Fuerteventura gefunden werden. Dort wurde sie ausgesetzt. Auch in städtischer Umgebung wie Las Palmas oder in der Nähe von Parkplätzen in Arucas trifft man diese Echsen an. Gallotia stehlini ist ein Allesfresser und kann dort wo der Mensch etwas zurückläßt auch größer werden. Wie zum Beispiel die “Riesen” in Arucas, die auf Brachflächen neben einem großen Parkplatz leben und sich zum Teil von Essensresten ernähren. Salami, Käse, Schinken, Bockwürste, Tomaten, Bananen, Äpfel und vieles mehr werden gerne angenommen. Zur natürlichen Ernährung gehören ebenfalls Blüten, Früchte, Samen, Insekten und auch andere Echsen, Aas, oder Kleinsäuger werden nicht verschmäht.

Gallotia Jungtier

Ein Jungtier von Gallotia stehlini.

Die 6-12 Eier werden im Frühsommer gelegt und die ersten Jungen schlüpfen im August. Im Bild rechts sehen Sie die typische Färbung der jüngeren Tiere, die sich im Laufe der Jahre verliert. Viele vor allem männliche Exemplare erscheinen einfarbig Grau/Braun bis Schwarz. Bei den Männchen wird der Hals manchmal gelborange. Eine Gallotia stehlini von über 50 cm kann als ein großes Exemplar angesehen werden. Über 80cm sind jedoch möglich.

Wenn man am Wegesrand einmal ein Quietschen hört, kann das von einer Riesenechse stammen. Diese verteidigen sich so gegen Ihre eigenen Artgenossen. Unsere Lepidosaurier können auch fauchen, wenn Sie wollen und vor allem dann wenn es gilt ein Revier zu verteidigen.

Rieseneidechse auf Gran Canaria

Rieseneidechsen Männchen in seinem Revier. Dieses Männchen ist der Herr in der Steinburg. Man sieht die leicht gelbliche Halsfärbung, die typisch für ältere Herren ist.


Gallotia hat das Maul voll, mit einem Apfelstück.

Gallotia hat das Maul voll, mit einem Apfelstück.

Greifvögel, Igel, Hunde, Katzen, neuerdings auch Schlangen und nicht zuletzt der Mensch gehören zu den wichtigsten “natürlichen” Feinden. Man erzählt, Landwirte würden die Echsen jagen oder vergiften, weil diese Tomaten und andere Anbauprodukte anfressen. Was kostet ein Kilo Tomaten ? 1,40 EUR. So eine “kleine”, “große” Echse kann doch kaum so viel fressen, daß daraus ein Schaden entsteht. Jedenfalls kein Schaden, wie er durch Ratten oder Mäuse entstehen könnte. Die Echsen sind ortstreu und treten nicht in Massen auf bzw. fallen wie Heuschrecken über Tomatenfelder her. Darüberhinaus übertragen die Rieseneidechsen auch keine Krankheiten auf den Menschen.

Rieseneidechse frisst Apfel.

Ein Gallotia stehlini Männchen beim Fressen eines Apfelstück auf Gran Canaria.

Auf einer unserer Wanderungen auf Gran Canaria kommen wir an einem Steinhaufen vorbei, der sich an einer sonnenexponierten Stelle befindet. Hier wohnt wie in einer Steinburg eine ganze Horde von Gallotia stehlini. An sonnigen Tagen kann man ein kurze Pause machen und den Echsen ein paar Brocken Wanderbrot oder auch Bananenstücke zu werfen. Echsen reagieren auf Bewegung und sobald sich etwas “ev. fressbares” bewegt, rennen die flinken, von der Sonne aufgewärmten Tiere hinterher. Dabei kommt es schon mal zu Streitigkeiten um ein Stück Bockwurst oder ein Apfelstück.

Habitat der gran-kanarischen Rieseneidechse.

Diese Steinburg ist ein ideales Habitat und wird von ca 6 Gallotia stehlini bewohnt. Ein dominantes Männchen hat alles im Griff und befindet sich häufig im Zentrum auf dem großen flachen Stein. 2 weitere Männchen haben sich rechts und links in Richtung der Vegetation zurückgezogen und kommen nur dann zum Vorschein wenn es etwas zu Fressen gibt. Dabei kann es zu Auseinandersetzungen und Drohverhalten zwischen den Echsen kommen. Etwas zurückhaltener tauchen die Weibchen auf und holen sich was die "Machos" übrig lassen.

Obstschalen und Bananenschalen, die eventuell mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden, sollte man nicht verfüttern. Ansonsten haben die Tiere ein sehr ausgeprägtes “gesundes” Fressverhalten. Von deutschen Bockwürsten zum Beispiel werden kaum mehr als zwei kleine Stückchen verzehrt und der Rest wird liegengelassen, während kurz danach angebotene Äpfel oder Bananenstückchen sofort wieder angenommen werden. Wirft man dann ein Tomatenstück, beginnen die Echsen erneut zu fressen. Offenbar lieben die Rieseneidechsen auf Gran Canaria eine abwechslungsreiche Ernährung und fressen niemals zuviel von nur einer Nahrung. Vielleicht war es aber auch nur die Reihenfolge der Fütterung mit steigender Beliebtheit der Speisen. Es ist wissenschaftlich belegt, daß ältere Rieseneidechsen zu 90 % vegetarische Kost zu sich nehmen.

Terrarianer tragen sehr großes Wissen über die Verhaltensweisen verschiedener Tiere bei. Über die Kanareneidechsen weiß man aus Beobachtungen im Terrarium, daß die Tiere praktisch alles fressen, was fressbar ist. Terrarianer wissen, daß die Echsen einen äußerst robusten Magen haben. Jedoch sollte man beachten, daß die Tiere besser überwiegend mit pflanzlicher Kost ernährt werden. Bei einseitiger und tierischer Hauptnahrung neigen die Echsen zur Verfettung. Im Terrarium gilt daher: Nur ein bis zweimal in der Woche ausgewogen füttern. Jungtiere dürfen einen höheren Anteil an eiweißreicher Kost haben wie zum Beispiel Insekten. Was die Riesenechsen so alles fressen, haben Terrarianer erprobt oder beobachtet. Hierzu gehören:

Gallotia Männchen

Gallotia stehlini sind Allesfresser. Man könnte sagen die Schweine unter den Echsen und neigen deshalb zur Verfettung bei allzu üppiger Fütterung im Terrarium. In der Natur hat es allerdings nur den Effekt, daß die Echsen größer werden.

  • Kleine Mäuse, Autotomierte Schwänze anderer Echsen, Eigene Jungtiere, Fleisch, Fisch, Deutsche Bockwürste (eigene Erfahrungen), Salami (eigene Erfahrungen), Pate iberico (eigene Erfahrungen)
  • Klee, Löwenzahn, Gänseblümchen, Früchte süß oder sauer, Reife Bananen (eigene Erfahrungen), Tomaten (eigene Erfahrungen), Mohrrüben, diverse Gemüse
  • Schokolade, Kekse und Kuchen, Brot (eigene Erfahrungen), Erdnussbutter, Joghurt, Käse alle Sorten (eigene Erfahrungen), gekochte Nudeln
  • Hundefutter, Katzenfutter  //  Heuschrecken, Schaben, Mehlkäfer, Wachsmotten, Grillen, Heimchen

Anmerkungen:

Im folgenden habe ich einmal die auf die Echsen einwirkenden, dezimierenden Faktoren zusammengefasst. Mögen die Populationen diesem Druck standhalten.

Einflüsse vor dem Erscheinen des Menschen auf den kanarischen Inseln

  • Konkurrenz kleinerer Echsen
  • Vulkanismus
  • Greifvögel

nach dem Auftauchen des Menschen

  • Konkurrenz kleinerer Echsen
  • Vulkanismus
  • Greifvögel
  • Jagd der Altkanaren
  • Verfolgung durch Landwirte
  • Auslegen von Gift gegen andere Schädlinge
  • Eingeführte Katzen, Hunde, Schlangen und Ratten
  • Potentielle Gefahren durch Einschleppung von pathogenen Mikroorganismen (siehe weltweites Froschsterben)
  • Habitatzerstörung durch Bautätigkeit und Landwirtschaft
  • Strassenverkehr

Weitere Bilder von Gallotia stehlini auf Gran Canaria. Zum schnellen Bildwechsel ziehen Sie die Maus kurz über das Bild.

Haben wir Sie neugierig gemacht ? Vielleicht haben Sie Lust mit uns auf eine Entdeckungsreise zu gehen. Keine Sorge wir können auch ohne zoologischen oder botanischen Informationsstreß nur die Landschaft, die Natur und den Tag genießen.

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