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Altkanaren, Eroberer und Touristen

Wasser auf Gran Canaria – ein ernstes Thema – nicht nur beim Wandern

Wasser hat die Geschichte Gran Canarias geprägt. Auf der einen Seite war Gran Canaria vor ein paar Hundert Jahren noch ein Wasserparadies mit ganzjährigen Bächen und Flüssen, dichtem Lorbeerwald und einem Grundwasserspiegel mehrere Hundert Meter höher als heute. Der menschliche Einfluß hat uns das Wasser abgegraben. Immer wieder jedoch wurden neue Wege beschritten um noch größere Mengen Wasser zur Verfügung zu stellen. Diese Geschichte hat viele Helden, die uns kaum bekannt sind wenn wir den Hahn aufdrehen. - Von Roland - in: Geschichte

Ein Wasserfall im Barranco del Hondo auf Gran Canaria. Ein seltener Anblick. © Foto von Roland Weimer.

Als die ersten Berber auf den kanarischen Inseln und auch auf Gran Canaria ankamen, war Wasser wohl nur in Ausnahmefällen ein Problem. Die Altkanaren siedelten sich oft in der Nähe des Wassers an, welches zu dieser Zeit in den Barrancos noch ganzjährig floss. Dennoch musste der Wassermangel zu bestimmten Trockenzeiten und in Verbindung mit einem mangelhaften Bewässerungssystem auf Gran Canaria ein großes Problem dargestellt haben. Denn man kennt Riten um die Götter um Regen zu bitten.

Esel im Regen auf Gran Canaria

Esel im Nieselregen auf Gran Canaria. Hatten die Altkanaren schon Esel ? Man weiß ja nie. Wissen Sie es ? © Foto von Roland Weimer.

Blöken für den Regen

Zuerst wurden die Schafherden an einem Ort zusammengetrieben und dann wurden die Lämmer von den Mutterschafen getrennt. Bis zu drei Tage blieben die Tiere getrennt und ohne Futter. Die teilnehmenden Altkanaren aßen ebenfalls nichts. Zusammen mit den blökenden Lämmern riefen die Altkanaren zu den Göttern in der Hoffnung erhört zu werden.

Procesión de la Rama

Eine weitere Bitte um Regen wurde mit der “Prozession des Zweiges” praktiziert. Der Faycan, die Harimaguadas und die Altkanaren wanderten bis ins Gebirge hoch um von dort Zweige abzureißen und am Rande einer Klippe zu tanzen und zu singen. Danach ging es wieder abwärts bis zum Meer wo unter Geschrei mit den Ästen auf das Meerwasser eingeschlugen wurde.

Wasserfall bei Soria

Wasserfall bei Soria auf Gran Canaria. Kräftige Regen haben uns ein paar Jahrhunderte zurückversetzt. © Foto von Jörg Kroker.

La Rama de Agaete auf Gran Canaria

Die Rama de Agaete ist eine Wiederbelebung dieser Regenriten mit derselben ehrenhaften Absicht, die jedoch von allen neuzeitlichen Beteiligten eher als Aufforderung verstanden wird, sich verschiedene wässrige Lösungen geheimer Zusammensetzung auf dem langen Weg von oben nach unten einzuschenken. Bei Ankunft am Meer dürfte es jedoch nicht weniger Geschrei gewesen sein.

Butter gegen Wasser

Darüberhinaus gab es noch Schlachtungen, Tieropfergaben, Milchgaben, Buttergaben und vegetarische Opfergaben, die mit der Bitte um Regen verbunden waren. Wenn Sie in den Boden eingehauene runde Kuhlen sehen z.B. oben am Roque Bentayga auf Gran Canaria dann könnten dies Opferstellen für Milch oder anderes gewesen sein.

Die einfache Lösung der Conquista

Nicht nur die Ureinwohner auf Gran Canaria hatten Schwierigkeiten mit Wasser sondern auch die spanischen Eroberer, die dieses Problem dadurch lösten, daß sie die wassereichsten Gebiete einfach unter sich aufteilten, das heißt auf die Eroberer und die religiösen Orden. Um diese politischen, wirtschaftlichen und zugleich “feuchten” Machtzentren herum, sammelte sich die weniger begüterte Bevölkerung quasi im Trockenen an. Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor ?

Kurzer Abriß der Geschichte des Wassers auf Gran Canaria

Wasserleitung im Barranco de la Virgen

Wasserleitung im Barranco de la Virgen auf Gran Canaria. © Foto von Roland Weimer.

Vom 16. bis zum 17. Jahrhundert regnete es noch sehr stark auf Gran Canaria und die Bevölkerungsdichte war niedrig. Nur in den Dürreperioden, die durch die radikale Abholzung der Wälder zum Teil mitverursacht wurde, gab es Anordnungen zur Einsparung. Die Bevölkerung auf Gran Canaria wuchs und damit der Kampf ums Wasser. Merkwürdigerweise gab es Anordnungen von höchster Stelle keine Bäume in der Nähe von Brunnen und Quellen zu schlagen. Auf der anderen Seite wurde der Wald quer über die Insel fast komplett abgeholzt. Ein Beispiel Arucas auf Gran Canaria. Wenn Sie einmal im Restaurant Montana de Arucas sind, schauen Sie sich einmal das große Foto an der Wand an und zählen Sie die Bäume in der Landschaft. Das könnte auch ein Kind im Vorschulalter abzählen. Das Foto entstand wohl kurz nach dem Erscheinen des Fotoapparates auf dem Markt, so zwischen 1941-1950. Zum Ende des 17. Jahrhunderts gingen die Wasservorräte in den Barrancos und Brunnen zur Neige, in dessen Folge die Wasserverteilung stark verbessert wurde und schließlich 1708 das Wasser von der königlichen Regierung rationiert wurde. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Wasserlage auf Gran Canaria noch verheerender obwohl immer noch einige Barrancos ganzjährig Wasser führten.

Alte Verteilerstation mit neuen Komponenten

Alte Verteilerstation auf Gran Canaria mit neuen Komponenten. © Foto von Roland Weimer.

100 Millionen Kubikmeter Gesamtspeichervolumen

Am Ende des 19. Jahrhunderts begann die Privatisierung auf Gran Canaria und Wasser wurde vom “Allgemeingut” zum Objekt der Spekulation. In dieser Zeit wurde die Technik zum Bau der Galerias (wasserabführende Stollen), der Brunnen und der Kanäle verbessert. In der Mitte des 20. Jahrhundert begann der Bau der Stauseen wie zum Beispiel der Soria Stausee auf Gran Canaria. Stauseen sind auf Gran Canaria besonders wichtig, weil das Relief von Gran Canaria gut für deren Anlage geeignet ist. Für Gran Canaria rechnet man mit ca 100 Millionen Kubikmeter Gesamtspeichervolumen. Mit dem Massentourismus, den Golfplätzen und der weiter wachsenden Bevölkerung ab 1950 kamen Entsalzungsanlagen und Wasserklärung als einziger Ausweg hinzu. In den letzten 20 Jahren ist in den meisten der Brunnen auf Gran Canaria der Grundwasserspiegel um einige Hundert Meter weiter gesunken.

Alte Wasserleitung im Barranco de Cernicalos auf Gran Canaria

Alte Wasserleitung im Barranco de Cernicalos auf Gran Canaria. © Foto von Roland Weimer.

Nach diesem plausiblen Abriß aus der Geschichte des Wassers auf Gran Canaria kommen wir zu den Helden der Wassergeschichte, den Männern, die die Galerias in den kanarischen Berg sprengten.

Die Helden der Wassergeschichte

Die Galerias auf Gran Canaria sind horizontale Stollen, die mit Hilfe von Dynamit in den Berg gesprengt wurden. Vulkangestein ist sehr porös und Wasser wird aufgenommen und zum Teil auch kapillar geleitet. Trifft das Wasser auf eine undurchlässige Schicht, sammelt es sich an und kann durch die Stollen abgeführt werden. Ein Stollen kann bis zu 2000m lang sein und ist kaum mannshoch. Man sagt, daß bis zu 35.000 Liter Wasser pro Stollen pro Tag gefördert werden kann. Dreiviertel der Wasserversorgung aus dem Nichtentsalzungsbereich kommt aus dem Stollenwerk. Auch diese können trocken fallen oder im Laufe der Zeit Ihre Ausbeute reduzieren.

Eingang in eine Galeria auf Gran Canaria. Gerade mal mannshoch. Sowas in den Berg zu treiben ist kein Kinderspiel sondern Männersache.

Eingang in eine Galeria auf Gran Canaria. Gerade mal mannshoch. Sowas in den Berg zu treiben ist kein Kinderspiel sondern Männersache. © Foto von Roland Weimer.

Zwei Männer

Dr. Manuel J. Lorenzo Perera, Professor an der Fakultät der Universität in La Laguna auf Teneriffa hat zwei der Grubenarbeiter getroffen und Sie befragt. Es sind Jose Doniz Mendez und Domingo Gonzales Lorenzo.

Die Männer, die diese Stollen bauten arbeiteten in einer 8-12h Schicht. 2 Schichten lösten sich pro Tag ab. Mehr als 2-3m kam man nicht vorwärts in einer Schicht. Man arbeitete mit Hammer, Pickel, Schaufel, Hacke und Pistole. Mit der Pistole brachte man die Löcher für die nächste Dynamit Sprengung in die Wand ein. Das Gestein wurde durch Wägen auf Schienen herausgefördert. Im Laufe der Zeit führte man auch Presslufthämmer und dieselbetriebene Maschinen ein. Das alles mit mäßiger Bezahlung und ohne Arbeitsvertrag.

Moderne Wasserverteilung auf Gran Canaria

Moderne Wasserverteilung auf Gran Canaria. © Foto von Roland Weimer.

Einer der Männer sagte, es gab nicht einmal Stiefel zur Zeit als mein Vater im Stollen arbeitete. Schutzhelme kamen erst ganz zum Schluß. Gegen die Gase wurden Masken eingesetzt, die mit einem Schlauch verbunden wurden. Karbidlampen waren die einzigen Lichtquellen für die jeder selbst verantwortlich war. In den Stollen war es heiß, so daß oft nur mit Hemd und Unterhose gearbeitet werden konnte.  Diese Arbeit hatte eine vielbeschäftigte Patrona, die Virgen de la Carmen. Denn Unfälle gab es im Laufe der Stollengeschichte wie zum Beispiel Verschüttete, Tote durch Abstürze, totaler oder teilweiser Gehörverlust und irreversible Erblindung durch Explosionen.

Der Staussee "Caidero de las Niñas" ist so gefüllt, daß Wasser abgelassen werden muß. Foto von Jörg.

Der Staussee "Caidero de las Niñas" ist so gefüllt, daß Wasser abgelassen werden muß. © Foto von Jörg Kroker.

Eisen, Karbonate, Nitrate und Natriumsalze

In der Neuzeit hat sich das Wasserproblem auf Gran Canaria aus ökologischer Sicht weiter verschärft, wird aber von uns nicht mehr so wahrgenommen, da immer Wasser aus der Leitung kommt. Die Wasserwirtschaft ist nun komplett in privater Hand und eine vorher festgesetzte Wassermenge muß vom Käufer fest und regelmäßig abgenommen werden. Das alte Problem bleibt, Wasserrecourcen fördern, speichern und verteilen. Die meisten Quellen werden für die Bewässerung der Landwirtschaft genutzt, die mit guter Qualität für die Trinkwasserversorgung. Die Ausbeutung des Grundwassers durch Brunnen, die auf Spanisch genannten Pozos, ist eine ebenfalls bemerkenswerte Methode. Diese Brunnen können bis zu 300m tief ausfallen. Dieses Wasser wird für die einheimische Landwirtschaft genutzt und kämpft, wie oben erwähnt, mit dem Abfall des Grundwasserspiegels und mit der darausfolgenden Verbrackung des Brunnenwassers. Der Spiegel liegt ja mittlerweile unter dem Meeresspiegel.

Landunter am Soria Stausee. Heftige Regenfälle auf Gran Canaria haben für gut gefüllte Stauseen geführt.

Landunter am Soria Stausee auf Gran Canaria. Heftige Regenfälle auf Gran Canaria haben für gut gefüllte Stauseen gesorgt. © Foto von Roland Weimer.

Die Förderung aus solchen Tiefen muß mit Maschinen erfolgen. Leider ist das Wasser auf Gran Canaria nur in Ausnahmefällen aus besonders isolierten und geschützten Galerias noch trinkbar. Kochen muß man mit gekauftem Mineralwasser. Die Werte von Eisen, Karbonaten, Nitraten und Natriumsalzen sind zum Teil stark überhöht. Meine eigenen Messungen aus Quellen in der Nähe von Moya ergaben eine  Leitfähigkeit von ca 1300 microsiemens. Das ist beinahe das Dreifache des Münchner Wasser.

Das Nitrat selbst ist für den Menschen noch kein Problem. Erst wenn im Darm das Nitrat unter Mithilfe von Bakterien zu Nitrit reduziert wird und dann Nitrosamine entstehen, wird es gefährlich. Aus den Nitrosaminen enstehen im Körper durch Abbauprozesse die sehr, sehr stark krebserregenden Substanzen. Das ist der Stand der Dinge und wir wissen es.

8 Millionen Liter Wasser flossen die Acequia Real täglich in Richtung Firgas hinab

Als Belohnung für seine Dienste der Conquista wurden dem Eroberer Tomas Rodriguez Palenzuela die Rechte für Land und Wasser von Firgas (ehemals Afurgad) übertragen…

Firgas war ursprünglich durch Wasserreichtum und fruchtbare Böden geprägt.

Firgas auf Gran Canaria war ursprünglich durch Wasserreichtum und fruchtbare Böden geprägt. Als Belohnung für seine Dienste der Conquista wurden dem Eroberer Tomas Rodriguez Palenzuela die Rechte für Land und Wasser von Firgas (ehemals Afurgad) übertragen. Er baute die Acequia Real zur Bewässerung der Zuckerrohrplantagen, die Zuckerfabrik, die Kapelle San Juan de Ortega und nicht zuletzt das dem San Juan de Ortega gewidmete Dominikanerkloster. 1517 kam in Firgas das erste Wasser aus den Quellen bei Las Madres über die Acequia Real an. Diese Wasserleitungen waren ursprünglich aus Teakholz und wurden erst später im Jahre 1849 aus Stein und Beton gebaut. Später wurde die Wasserleitung bis nach Arucas ausgebaut. Im Gebiet Firgas befinden sich 126 hydraulische Wasserbauwerke, die verschiedenen Aufgaben gewidmet waren, wie zum Beispiel Wäschereien und Mühlen. Über 8 Millionen Liter Wasser flossen die Acequia Real täglich hinab. © Foto von Roland Weimer.

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